Das Ziel dieser Arbeit ist es, mittels einer nuancierten Sichtweise zu einem erweiterten Verständnis von Plattformisierungsprozessen und ihren Auswirkungen auf globale Produktionsnetzwerke beizutragen. Konkret wird anhand des empirischen Beispiels der Logistik untersucht, wie sich digitale B2B-Plattformen auf Machtbeziehungen und Arbeit in globalen Produktionsnetzwerken auswirken. Damit adressiert die Untersuchung die bislang relativ geringe Auseinandersetzung mit Plattformausprägungen, die über typische Plattformmodelle aus Konsum- und Kommunikationsbereichen hinausgehen, welche frühe Annahmen der Plattformforschung maßgeblich geprägt haben. Basierend auf einer relationalen wirtschaftsgeographischen sowie einer arbeitsgeographischen Forschungsperspektive dient der Globale Produktionsnetzwerkeansatz (GPN), der mit dem Konzept der Labour-Agency kombiniert wird, als konzeptionelle Grundlage.
Der empirische Fokus dieser Arbeit liegt auf digitalen Logistikplattformen, die im zwischenbetrieblichen Bereich zum Einsatz kommen und in erster Linie zur Auftragsvergabe in der Transportlogistik – vorwiegend im europäischen Straßengütertransport – genutzt werden. Die Datengrundlage bilden 42 qualitative Interviews, die mit Vertreter*innen von Logistikplattformen und andere Logistikunternehmen, Arbeitnehmenden und Arbeitnehmendenvertreter*innen sowie unterschiedlichen Expert*innen durchgeführt wurden. Ergänzend wurden teilnehmende Beobachtungen sowie Dokumentenanalysen durchgeführt.
Auf übergeordneter Ebene verdeutlichen die Ergebnisse, dass die Plattformisierung als vielschichtiges Phänomen zu verstehen ist, das sich auf verschiedene Dimensionen globaler Produktionsnetzwerke auswirkt. Am Beispiel globaler Logistiknetzwerke lassen sich einerseits Neu- und Restrukturierungsprozesse sowie andererseits die Reproduktion bzw. Verstärkung bestehender Strukturen infolge der Verbreitung digitaler Logistikplattformen beobachten.
Konkret trägt diese Arbeit wie folgt zur wirtschaftsgeographischen und daran angrenzenden Auseinandersetzung mit der Plattformisierung und der Labour-Agency aus GPN-Perspektive bei: Erstens zeigt sie, dass digitale Plattformen in globalen Produktionsnetzwerken unterschiedliche Rollen einnehmen können – von Lead Firms bis zu spezialisierten Dienstleisterinnen – und somit auf multiple Weise auf die Gestalt von Netzwerkbeziehungen wirken. Zweitens wird die Rolle von Daten als neue Machtressource in globalen Produktionsnetzwerken herausgearbeitet und am Beispiel digitaler Logistikplattformen die zunehmende Verschneidung digitaler und physisch-materieller räumlicher Dimensionen verdeutlicht. Drittens beleuchtet die Untersuchung die arbeitsbezogenen Auswirkungen der Plattformisierung und zeigt auf, dass damit nicht nur Veränderungen auf individueller Beschäftigungsebene, sondern auch auf struktureller Arbeitsmarktebene einhergehen können. Viertens wird gezeigt, dass mit der Plattformisierung weitere strukturelle Einschränkungen der Labour-Agency in globalen Produktionsnetzwerken – insbesondere in der Logistik – einhergehen. Anhand des Fallbeispiels der Lkw-Proteste in Gräfenhausen 2023 werden zudem die Notwendigkeit einer differenzierten Sichtweise auf potenzielle Resultate von Arbeitskämpfen in globalisierten Produktionszusammenhängen sowie die Relevanz institutioneller Macht in diesem Kontext herausgearbeitet.
Über das Beispiel der Logistik hinaus bekräftigt die Untersuchung die Notwendigkeit weiterer Forschung zum Zusammenspiel von Daten als zunehmend wichtiger Machtressource, sich wandelnder institutioneller Rahmenbedingungen und daraus resultierender Konfliktlinien in globalen Produktions- und Arbeitszusammenhängen
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