Die vorliegende Arbeit widmet sich einem wissenschaftlich noch weitgehend
unerschlossenen Gegenstand: dem deutschen Radio-Feature. Meine These lautet,
dass innerhalb des deutschen Features eine bislang wenig beachtete Tradition
des Erzählens existiert, die sich durch ein eigenes, für die
Literaturwissenschaft hochinteressantes, Erzählverfahren auszeichnet. Die
Besonderheit dieses Erzählverfahrens liegt in der radikalen Umsetzung von
VIELSTIMMIGKEIT. Im Gegensatz zum Roman-Autor greift der Feature-Autor
unmittelbar auf dokumentarisches Material, den so genannten „O-Ton“, zurück.
Er arbeitet mit „fremden Stimmen“ und praktiziert so, mit den Worten Michail
Bachtins, ein POLYPHONES Erzählen. Dieses Verfahren ist deshalb attraktiv,
weil es den Erzählvorgang zum interaktiven Abenteuer werden lässt und es dem
Autor ermöglicht, die Grenzen des eigenen Erfahrungshorizontes und der eigenen
sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten zu überschreiten. Gleichzeitig wirft eine
polyphone Ästhetik jedoch die ethische Frage nach einem
verantwortungsbewussten Umgang mit den geliehenen Stimmen auf. Beispielhaft
vorgestellt wird das polyphone Erzählverfahren an drei ausgewählten Features:
Ernst Schnabels „Der 29. Januar 1947“ (1947), Peter Leonhard Brauns „8.15h OP
III Hüftplastik“ (1970) und Michael Lisseks „Zwettls Traum? Die
Nibelungenfragmente der Frau Dr. Ziegler. Oder: Sehen sie nichts?“ (2004)