Cognitive-affective and psychophysiological effects of body checking and body exposure in individuals with eating disorders, body dysmorphic disorder, and illness anxiety disorder
Theoretischer Hintergrund: Das Vorhandensein einer Körperbildstörung stellt einen zentralen Risikofaktor für die Entstehung und Aufrechterhaltung diverser psychischer Störungen dar. Ein gestörtes Körperbild zeigt sich u. a. in kognitiv-affektiven Symptome, die sich bei Personen mit Essstörungen in der Unzufriedenheit mit der eigenen Figur und dem Gewicht, bei Personen mit Körperdysmorpher Störung in der Überzeugung, einen äußerlichen Makels aufzuweisen und bei Personen mit Krankheitsangststörung in der anhaltenden Sorge um die körperliche Gesundheit manifestieren. Dabei wird angenommen, dass das wiederholte kritische Überprüfen des eigenen Körpers, genannt Body Checking, eine behaviorale Komponente dieser Störungen im Körperbild darstellt. Ungeachtet der unterschiedlichen Foki auf den eigenen Körper wie die Figur, körperbezogene Makel oder die körperliche Gesundheit, postulieren kognitiv-behaviorale Theorien zu Essstörungen, der Körperdysmorphen Störung und der Krankheitsangststörung gleichermaßen, dass Body Checking insbesondere in einem Zustand negativen Affektes auftrete. Den Postulaten zufolge reduziere Body Checking kurzfristig diesen negativen Affekt, wodurch das Body Checking-Verhalten negativ verstärkt werde und somit längerfristig zur Aufrechterhaltung des negativen Affektes und der Psychopathologie beitrage. Empirisch konnten diese theoretischen Annahmen jedoch bisher nicht hinlänglich bestätigt werden.
Als eine therapeutische Methode zur Behandlung von Körperbildstörungen u. a. zur Reduktion des Body Checking-Verhaltens bei Personen mit Essstörungen, kann Body Exposure eingesetzt werden. Body Exposure beinhaltet das von einer Therapeut*in begleitete systematische Betrachten des eigenen Körpers und stellt eine der effektivsten Techniken zur Verbesserung eines gestörten Körperbildes dar. Bislang ist jedoch nicht erforscht, inwieweit sich die durch Body Exposure ausgelösten kognitiv-affektiven und physiologischen Reaktionen zwischen Frauen mit Anorexia nervosa und Frauen mit Bulimia nervosa unterscheiden. Darüber hinaus ist bislang offen, ob die Grundfrequenz der Stimme einen psychophysiologischen Marker von autonomen Arousal während einer Body Exposure-Sitzung als Stressor darstellt.
Die Ziele dieser Dissertation bestehen somit zum einen in der empirischen Überprüfung störungsübergreifender theoretischer Annahmen zu den kurz- und längerfristigen Effekten von Body Checking (Studien 1 – 4). Studie 1 umfasst ein systematisches Review zur Untersuchung der postulierten kurz- und längerfristigen Konsequenzen von Body Checking, wobei in den Studien 2 bis 4 diese Postulate anhand von empirischen Studien überprüft wurden. Zum anderen wurden Kognitionen, Affekt und autonomes Arousal im Verlauf von Body Exposure untersucht (vgl. Studien 5 & 6). In Studie 5 wurde selbstberichteter und stimmlich enkodierter Affekt im Verlauf einer Body Exposure-Sitzung bei Personen mit Essstörungen analysiert, während in Studie 6 die Grundfrequenz der Stimme als Marker für autonomes Arousal während einer Body Exposure-Sitzung validiert wurde.
Methode: Das systematische Review in Studie 1 folgte den PRISMA-Guidelines und schloss N = 44 Studien ein. Dabei wurden die drei postulierten Annahmen zu Body Checking, untersucht, d. h. das Auftreten von Body Checking insbesondere in Situationen, die durch negativen Affekt charakterisiert sind, die kurzfristige Reduktion von negativem Affekt und die längerfristige Aufrechterhaltung des negativen Affektes durch Body Checking. Diese Postulate wurden in Studie 2 an N = 116 Personen ohne psychische Störungen empirisch geprüft, die ein experimentelles Laborparadigma zur Untersuchung der kurzfristigen Effekte von Body Checking durchliefen. Während der Erhebung durchliefen die Proband*innen zunächst eine Induktion von negativem Affekt und anschließend, in einem Cross-over-Design, sowohl eine störungsspezifische Body Checking-Aufgabe als auch eine Kontroll-Aufgabe. Für die störungsspezifische Body Checking-Aufgabe wurden die Proband*innen randomisiert einer von drei Gruppen zugewiesen und führten Body Checking durch, wie es Personen mit Essstörungen, der Körperdysmorphen Störung und der Krankheitsangststörung typischerweise zeigen. In der auf Essstörungen bezogene Body Checking-Gruppe kontrollierten die Proband*innen den Bauch und die Oberschenkel, in der auf die Körperdysmorphe Störung bezogenen Body Checking-Gruppe die Nase und die Haut im Gesicht und in der auf die Krankheitsangststörung bezogenen Body Checking-Gruppe erfolgte das Body Checking beispielhaft nach Indizien für Hautkrebs und Herzinsuffizienz. Vor und nach der Body Checking-Aufgabe und der Kontroll-Aufgabe wurden der emotionale Zustand und störungsspezifische Symptome erfasst. Studie 3 beinhaltete das Versuchsdesign aus Studie 2, wobei die N = 116 Personen ohne psychische Störungen aus Studie 2 die störungsspezifischen Kontrollgruppen darstellten und zusätzlich N = 108 Personen mit Bulimia nervosa (n = 40), Körperdysmorpher Störung (n = 39) und Krankheitsangststörung (n = 37) das experimentelle Laborparadigma durchliefen. Für die störungsspezifische Body Checking-Aufgabe führten die Personen mit psychischen Störungen sowie deren jeweilige störungsspezifische Kontrollgruppe das Body Checking aus Studie 2 durch, wie es charakteristisch für Essstörungen, die Körperdysmorphe Störung oder die Krankheitsangststörung ist. Im Anschluss an die experimentellen Aufgaben wurden, wie in Studie 2, der emotionale Zustand und störungsspezifischen Symptome erhoben und zusätzlich die Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit als Marker für sympathische Aktivierung gemessen. In Ergänzung zu den beiden Untersuchungen im Labor zu den kurzfristigen Effekten von Body Checking wurden in Studie 4 die längerfristigen Konsequenzen von vermehrtem Body Checking in einer webbasierten Erhebung im natürlichen Umfeld der Probandinnen überprüft. N = 167 Frauen ohne psychische Störungen wurden dabei in einem Cross-over-Design dazu angehalten, ihren Körper über drei Tage hinweg entweder zuerst in gewohnter Frequenz zu überprüfen und dieses Verhalten in den folgenden drei Tagen mit dreifach erhöhter Häufigkeit fortzusetzen, oder zunächst erhöhtes und dann Body Checking-Verhalten in gewohnter Frequenz zu zeigen. Vor und nach jeder angegebenen Body Checking-Episode wurden die Auswirkungen von Body Checking auf Affekt und Psychopathologie erfasst. In Studie 5 durchliefen n = 63 Frauen mit Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa sowie n = 73 Frauen ohne psychische Störungen eine Laboruntersuchung mit einer Baseline-Erhebung gefolgt von einer siebenminütigen Body Exposure-Sitzung, bei der die Probandinnen ihre aufkommenden Gedanken und Gefühle gegenüber ihrem Körper laut aussprechen sollten. Das selbstberichtete Arousal, die emotionale Gefühlslage (d. h. Valenz) und spezifische Emotionen wurden vor, während und nach jeder experimentellen Aufgabe erfasst. Zudem wurde in Studie 5 der Mittelwert der stimmlichen Grundfrequenz (f0mean) als Marker für autonomes Arousal eingesetzt. Ferner wurde in Studie 6 anhand der N = 73 Personen ohne psychische Störungen aus Studie 5 die f0mean zusammen mit f0-Variabilitätsmaßen (d. h. f0dispersion, f0range und f0SD) während einer Body Exposure-Sitzung analysiert und untersucht, ob höhere oder niedrigere f0-Indizes mit stärkerem autonomen Arousal in stressreichen Situationen, wie Body Exposure eine darstellt, assoziiert sind.
Ergebnisse: Insgesamt wurden in den Studien 1 bis 4 die postulierten kognitiv-behavioralen Modellannahmen zum Body Checking bei Personen mit Essstörungen, der Körperdysmorphen Störung und der Krankheitsangststörung nicht bestätigt. So erbrachten die Ergebnisse des systematischen Reviews in Studie 1 theoriekonforme Hinweise darauf, dass Body Checking primär in einem Zustand negativen Affektes ausgeführt wird. Entgegen der theoretischen Annahmen zeigten die eingeschlossenen Studien jedoch keine kurzfristige Reduktion von negativem Affekt nach der Ausführung von Body Checking und nur in einigen der inkludierten Studien führte Body Checking zu der postulierten längerfristigen Aufrechterhaltung des negativen Affektes. In den experimentellen Studien 2 und 3 zur Überprüfung der kurzfristigen Effekte von Body Checking wurde darüber hinaus gezeigt, dass entgegen der Annahme aus den theoretischen Modellen Body Checking störungsübergreifend bei Personen mit Essstörungen, der Körperdysmorphen Störung, der Krankheitsangststörung und bei Personen ohne psychische Störungen nicht einer Reduktion von negativem Affekt führte. Hingegen zeigte sich in Studie 4 im Einklang mit postulierten Annahmen zu den längerfristigen Konsequenzen von Body Checking, dass erhöhtes Body Checking bei den Teilnehmerinnen längerfristig zu negativem Affekt führte, während in gewohnter Häufigkeit durchgeführtes Body Checking eine längerfristige Reduktion von allgemeiner Psychopathologie bewirkte.
In den Studien 5 und 6 zu den kognitiv-affektiven Reaktionen auf Body Exposure bei Personen mit und ohne Essstörungen deuten die Ergebnisse in Studie 5 auf keine Unterschiede zwischen den Essstörungsgruppen Anorexia nervosa und Bulimia nervosa hin, mit Ausnahme einer stärker negativen emotionalen Valenz bei Frauen mit Anorexia nervosa im Anschluss an die Body Exposure-Sitzung. Zudem zeigte sich bei Frauen mit und ohne Essstörungen im Verlaufe der Body Exposure-Sitzung eine Zunahme an Angst, während Schuld, Feindseligkeit und Traurigkeit nur bei Frauen mit Essstörungen zunahmen. Im stimmlich enkodiertem autonomen Arousal zeigten sich, verglichen mit der Baseline-Erhebung, für alle Probandinnen erhöhte Werte von f0mean in der Body Exposure-Sitzung. Die Ergebnisse von Studie 6 erbrachten keine Zusammenhänge von f0 mit der Körperunzufriedenheit oder der Herzrate. Auch für die f0-Variabilitätsmaße wurden keine Korrelationen mit einem der erfassten Maße festgestellt. Es zeigte sich jedoch, dass f0mean positiv mit selbstberichtetem Arousal und negativ mit emotionaler Valenz korrelierte.
Diskussion: Zusammenfassend erbrachten die Ergebnisse zu den kurz- und längerfristigen Konsequenzen von Body Checking Hinweise darauf, dass Body Checking ein störungsübergreifendes Merkmal der Essstörungen, der Körperdysmorphen Störung und der Krankheitsangststörung darstellt, welches in intensiver Ausführung bei den drei Störungsbildern zu einem Anstieg von negativem Affekt führt. Während sich in Studie 1 und 4 zeigte, dass Body Checking, wie postuliert, primär in einem Zustand negativen Affektes auftritt und häufiges Body Checking längerfristig zu einem Anstieg von negativem Affekt führt, konnten die in den kognitiv-behavioralen Störungsmodellen postulierten Annahmen einer kurzfristigen Reduktion des negativen Affektes durch Body Checking in Studien 2 und 3 nicht belegt werden. Auf Grundlage der Ergebnisse dieser Studien sowie im Einklang mit weiteren empirischen Studien, wird eine Anpassung der bisherigen kognitiv-behavioralen Modelle zu Body Checking vorgeschlagen, in welcher die kurzfristige Reduktion von negativem Affekt durch das Body Checking nicht enthalten ist.
Hinsichtlich der Studien 5 und 6 zur Untersuchung der Kognitionen, Affekte und des stimmlich enkodiertem Arousals während einer Body Exposure-Sitzung deuten die Ergebnisse insgesamt auf eine erhöhte emotionale Aktivierung und ein stärkeres autonomes Arousal (d. h. f0mean) im Anschluss an die Body Exposure-Sitzung hin, insbesondere bei Frauen mit Essstörungen. Ferner implizieren die Ergebnisse aus Studie 5 die zentrale Rolle von Angst als Reaktion auf Body Exposure. Frauen mit Essstörungen berichteten während der Body Exposure neben Angst jedoch auch von weiteren Emotionen wie Schuld, Feindseligkeit und Traurigkeit. Da diese Emotionen möglicherweise nur bedingt durch Exposition reduziert werden, könnten Erweiterungen der Body Exposure erforderlich sein, die das Mitbehandeln dieses emotionalen Zustandes inkludieren. Die Ergebnisse aus Studie 6 lassen zudem darauf schließen, dass die Anwendung von f0mean, jedoch nicht von f0-Variabilitätsmaßen, zur Erfassung von stimmlich enkodiertem autonomen Arousal geeignet ist
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