Die Bedeutung von Grenzen – ihre Markierung, ihre Kontrolle und ihre Überschreitung – nimmt derzeit in den unterschiedlichsten Lebensbereichen signifikant zu. Im Politischen war beispielsweise in den 1990er-Jahren mit der Einführung des Schengen-Raums die Vorstellung einer grenzfreien europäischen Zone noch weit verbreitet und fand allgemeinen Zuspruch. Inzwischen werden an allen deutschen Grenzen sowie an denen weiterer Mitgliedsstaaten vorübergehend wieder Kontrollen durchgeführt, was mit der gestiegenen Migration und einer sich dadurch verschlechternden nationalen Sicherheitslage begründet wird. Vor allem die Kriege und Repressionen in Syrien und Afghanistan sowie der Angriffskrieg des Putin- Regimes gegen die Ukraine haben viele Menschen zur Flucht nach Europa gezwungen. Dadurch ist die Debatte um die Kontrolle der europäischen Außengrenzen und das Asylverfahren für Geflüchtete erneut in den Mittelpunkt politischer und gesellschaftlicher Diskussionen gerückt. Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen haben derzeit also Konjunktur. Sie sind zentrale Aspekte unserer Sprache, sie bestimmen verstärkt unseren Umgang miteinander, sie kennzeichnen den menschlichen Gestaltungswillen und prägen die mediale Kommunikation. All diese Bereiche verändern sich aktuell massiv durch technische Innovationen, wie künstliche Intelligenz sowie durch soziale und ökologische Herausforderungen, wie dem Klimawandel. Ihnen nachzugehen ist eine der zentralen Aufgaben engagierter Wissenschaften. Schließlich gilt: Die Art und Weise, wie wir über Grenzen und Grenzüberschreitungen nachdenken, bestimmt unser Handeln; ihre Reflexion verleiht unserem Agieren einen übergeordneten Rahmen – sei dieser moralisch, rational oder humanitär. Das Nachdenken über Grenzen erfordert eine interdisziplinäre Auseinandersetzung, der sich die Autor*innen dieses Heftes aus der Perspektive der Politik, der Architektur, der Klima- und Krisenforschung, der Philosophie, der Psychologie sowie der Sprachwissenschaften widmen. Einen weiteren zentralen Beitrag zum Umgang mit dem Liminalen können die Künste liefern, und zwar hinsichtlich der Themen menschlicher Verfügungsgewalt, Lebenswelten und Lebensweisen. Die Junge Akademie zeigt zu dieser Thematik darum eine Ausstellung mit dem Titel Unendlichkeit, Leere, Lebendigkeit im Hamburger Planetarium, die sich mit den Potenzialen und Gefahren der Vorstellung eines grenzenlosen Universums befasst. Auch die in der vorliegenden Publikation versammelten Autor*innen werfen einen facettenreichen Blick auf das Thema der Grenzüberschreitung zwischen Kunst und Wissenschaft. Dem Verhältnis von internationalen Verhältnissen zu den Belangen der einzelnen Nationalstaaten widmet sich Hanna Pfeifer. Die Politikwissenschaftlerin verdeutlicht, dass dringliche Fragen in Bezug auf internationale Menschenrechte, Migration und Klimawandel immer häufiger in Konflikt geraten mit den Interessen der Nationen. Insbesondere Kriege lassen Ländergrenzen sowohl manifest als auch porös werden, wobei regelmäßig die Grenze von dem überschritten wird, was innerhalb von Menschlichkeit vorstellbar ist. Aus künstlerisch-kreativer Perspektive beschreibt der Architekt Benedikt Hartl in seinem Beitrag, wie Grenzen in der Architektur sinnlich erfahrbar werden. Allerdings sind diese Momente materieller Absolutheit auch diejenigen, in denen die Architektur über ihre eigenen Vorgaben hinauswächst und neue Möglichkeiten des Lebens und Denkens schafft. Leonie Wenz markiert in ihrem Text die Bedeutung von Ländergrenzen für den Umgang mit menschengemachten ökologischen Veränderungen. Da der Klimawandel sich nicht an Ländergrenzen hält, verschärft sich aktuell ein Spannungsverhältnis zwischen lokalen Vereinbarungen und globalen Regelungen im politischen Bereich, was die Notwendigkeit eines kollektiven und solidarischen Handelns deutlich macht. Radin Dardashti beleuchtet die Grenzen wissenschaftlicher Forschung anhand der Theorien von Thomas S. Kuhn und Karl R. Popper. Er zeigt, wie Paradigmen sowohl Orientierung als auch Einschränkungen bieten und dass deren bewusste Hinterfragung neue wissenschaftliche Perspektiven eröffnen kann. Die Reflexion über diese Grenzen betont zudem die Parallelen zwischen wissenschaftlichem Denken und der Komplexität menschlicher Weltanschauungen. Welche Auswirkungen, Erkenntnisse und Erfindungen im Bereich der neurowissenschaftlichen Forschung bezüglich der Ich-Erfahrung haben, zeigt der Psychologe Jakub Limanowski in seinem Beitrag. Im Zentrum stehen dabei die Mechanismen körperlicher Selbstidentifikation und Selbst-Fremd-Unterscheidung. Ziel der Studien ist die Frage nach den Grenzen menschlicher Selbstwahrnehmung, ihrer Flexibilität und Ausdehnung innerhalb einer zunehmend technologisierten Welt. Garvin Brod und Kathrin Wittler stellen in ihrem Artikel fest, dass die Grenzen menschlicher Imagination und Erfahrung auch die Möglichkeiten ihrer Verbalisierung bestimmen. Die Autor*innen widmen sich den Momenten, in denen die Grenzbereiche von Sprache(n) bewusst werden. Diese spielen auch im interdisziplinären Austausch zwischen den Wissenschaften eine große Rolle, wenn – wie innerhalb der Jungen Akademie – Vertreter*innen unterschiedlicher Fächer gemeinsam ein Thema v erhandeln. Visuell fängt das Poster auf der Rückseite das diesjährige Magazinthema in seiner thematischen und sinnlichen Vielfalt ein. Das Puzzle mit den unterschiedlichen Symbolen eröffnet den Blick auf eine kartografische Landschaft zum Liminalen, die mit ihrem Fassettenreichtum zahlreiche individuelle Assoziationen und Verknüpfungen anregt
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