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„Die Realität ist keine Wagner-Oper“. Konzeptionen von Person und Geschichte in Dokumentarfilmen über das Dritte Reich am Beispiel von „Hitlers Frauen – Winifred Wagner“ (2004) und „Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin“ (2002)

By Anke Endreß

Abstract

In der heutigen Medienlandschaft und Kommunikationsgesellschaft herrscht eine Bilder- und Informationsflut, die der Betrachter automatisch einer inhaltlichen Selektion nach individuellen Relevanzkriterien unterzieht. Die Bilderauswahl dient der eigenen Orientierung innerhalb der jeweiligen Kultur und erfolgt größtenteils auf der Grundlage von individuellen und subjektiven Bedeutungszuschreibungen. Indem Bilder vom Rezipienten zusätzlich mit individueller Bedeutung und persönlichen Inhalten gefüllt werden, verstärken sich sowohl die Erinnerungsfähigkeit an ein bestimmtes Ereignis als auch die Einprägung in das Gedächtnis. Die individuellen Erinnerungen, Erfahrungen und Erlebnisse in der Vergangenheit sind unerlässlich für die Rekonstruktion der eigenen Geschichte und Identität. Die individuelle Vergangenheit ist wiederum eng mit der kollektiven Geschichte verknüpft, die sich über die gesellschaftliche Konzeption von Geschichts- und Persönlichkeitsbildern erschließt. Neben der Aufbereitung von Geschichte in thematischen Ausstellungen, Museen oder Gedenkstätten stellen audiovisuelle Medien für ein breites Publikum einen wichtigen Zugang zur Vergangenheit dar. Medien verwenden historisches Bild- und Tonmaterial, interpretieren und verbinden es mit aktuellen Forschungsergebnissen. In Deutschland ist vor allem die Zeit des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart ein Geschichtsabschnitt, der immer wieder aufgegriffen und erforscht wird. Insofern rekonstruieren vielfältige audiovisuelle Medien wie Filme und Dokumentationen über inszenierte Geschichts- und Persönlichkeitsbilder die nationalsozialistische Vergangenheit. In der folgenden Analyse werden deshalb Dokumentarfilme gezielt daraufhin untersucht, wie der Nationalsozialismus aufbereitet und welche Geschichtsdeutungen dem Publikum übermittelt werden, um sie im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Den Einstieg in die Thematik bilden im ersten Kapitel zunächst die zusammenfassende Darstellung des Historikerstreits der Jahre 1986 und 1987 sowie dessen rückblickende Bewertung. Die Debatte brachte unterschiedliche Positionen über den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit besonders in Hinblick auf die Historisierung sowie die Frage nach individueller und kollektiver Schuld hervor. Diese Themen sind in gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskussionen über den Holocaust präsent und finden somit auch Eingang in die mediale Aufbereitung des Nationalsozialismus. Der Historikerstreit mit den dazugehörigen Thesen bildet im Folgenden den Hintergrund für die Analysekriterien. Im Anschluss erfolgt eine allgemeine Einführung in das Genre des Dokumentarfilms, welche als Grundlage für die vergleichende Analyse der medienspezifischen Konzeption von Personen und Geschichte in den Dokumentarfilmen Hitlers Frauen – Winifred Wagner (2004) von Guido Knopp und Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin (2002) von André Heller sowie Othmar Schmiderer herangezogen wird. Die Analyse greift ebenfalls die Besonderheit des Genres auf, denn im Dokumentarfilm ist grundsätzlich das Streben nach Authentizität, subjektiver bzw. objektiver Wahrheit und realistischer Inszenierung von Bedeutung. Der Medienwissenschaftler Heller (1990, 22) mahnt in diesem Zusammenhang jedoch: „Wie jeder Film ist auch der Dokumentarfilm nur ein Film: ein Zeichen der Zeit, aber niemals die Wirklichkeit selbst.“ Die Auswahl der genannten dokumentarischen Werke erfolgte, um die darin enthaltene mediale Darstellung der nationalsozialistischen Vergangenheit zu untersuchen. Von Relevanz sind dabei die genaue Betrachtung der Bild- und Tonebene, die Montage von historischem Bild- und Tonmaterial, die Aufnahmen von Zeitzeugenaussagen und schließlich der zusätzliche Einsatz gestalterischer Mittel wie Filmmusik oder digitale Bearbeitungen. Neben diesen formalen Kriterien werden auf der inhaltlichen Ebene besonders die Thematisierung von Tätern und Opfern des Nationalsozialismus, die filmische Inszenierung Adolf Hitlers sowie die Auseinandersetzung mit individueller Schuld anhand der Protagonistinnen untersucht. Die Filme bieten durch die Darstellung von Frauen, die in näherer Verbindung zu Hitler standen, einen weiteren Bezugspunkt für die vergleichende Analyse. Im letzten Kapitel wird in einer Gegenüberstellung die Unterschiedlichkeit der analysierten Dokumentarfilme herausgearbeitet, um die verschiedenen Inszenierungsstrategien im direkten Vergleich zu beleuchten. Im Fazit erfolgt eine zusammenfassende Bewertung der Analyseergebnisse in Hinblick auf die mediale Konstruktion derartiger Geschichts- und Persönlichkeitsbilder des Nationalsozialismus und deren Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs über Geschichte. Abschließend wird auf zukünftige Möglichkeiten der medialen Geschichtsaufbereitung und der allgemeinen Erinnerungskultur in Bezug auf die nationalsozialistische Vergangenheit eingegangen

Topics: Medien, Dokumentarfilm, Dokumentation, Hitler, Adolf, Richard Wagner, Drittes Reich, Nationalsozialismus, Filmanalyse, Fernsehdokumentation, ddc:791
Year: 2013
OAI identifier: oai:kobv.de-opus4-uni-passau:194

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