oaioai:publikationen.uni-tuebingen.de:10900/85096

In die Stille geleiten. Darstellungsprinzipien und Erfahrungsweisen eines musikalischen Grundphänomens

Abstract

Die Arbeit verfolgt eine Topographie der Stille. In den Vorstellungen der griechischen Antike, die für die Musik noch ein arithmetisches Denkmuster vorgesehen hatte, ist der Ort der Stille von der ihre Kreisbewegungen zählende, für sich aber stillstehende Seele besetzt worden. Dieser Ort blieb noch bestehen, als die mittelalterliche Musiktheorie einen Tonraum entwarf, der seine Elemente in Dauer und Stufe raumzeitlich lokalisierte. Hieraus entwickelte sich ein zweidimensionales Ordnungssystem, das abstrakte Tonorte auf einer Zeitverlaufs- sowie einer Tonstufenachse untereinander in Beziehung setzte. Dieses geometrische Notationssystem ist noch heute die bevorzugte Methode, Musik festzuhalten, und legt jenen stillen Ort – den Achsen entsprechend – in zwei unterschiedlichen Weisen offen: Auf der x-Achse tritt Stille als ein Nullpunkt der Zeit in Erscheinung. In der Notenschrift wird er durch einen Doppelstrich gekennzeichnet, ferner herrscht er binnenzeitlich in spezifischen Fermatenereignissen – in beiden Momenten vergeht keine musikalische Zeit. Auf der y-Achse bildet die Stille ein von der Tonart definiertes Sediment, in dem der Ton zur Ruhe kommt. Der Grundton erdet den tonal-musikalischen Prozess. Schließlich transzendiert die Empfindung die im abstrakten System sich abwechselnden Tonorte in einen Klangraum fließender Bewegungsphänomene. Musikalische Zeitlosigkeit erleben wir dadurch als Raumbreite, der Grundton stößt in eine Raumsenke. Eine dritte Zugangsweise fällt jedoch aus dem seelenzentrierten System: die von einer abnehmenden Lautstärke hervorgerufene Raumtiefe. Sie wird dennoch – wie die anderen zwei Erfahrungsweisen der Stille – aus jenem arithmetischen Vorläufersystem der Musik hergeleitet und phänomenologisch schlaglichtartig an Beispielen fruchtbar gemacht sowie anhand von vier geometrischen Zeichnungsversuchen der Stille vertieft

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