Hochschulschriftenserver der PH Ludwigsburg
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Beliefs and Attitudes towards Multilingualism in Class
Increasing globalization and migration has turned today’s classrooms in many countries into linguistically superdiverse spaces (Vertovec, 2023). This linguistic heterogeneity has been challenging the educational system. Migration-related multilingual students have repeatedly shown educational disparities compared to their peers without migration-related multilingual backgrounds (Mang et al., 2023). Teachers feel overwhelmed by students’ multilingualism and do not know how to support multilingual students well (Bredthauer & Engfer, 2018). From educational research, several multilingual-inclusive teaching approaches emerge that represent promising solutions to incorporate students’ multilingualism as a resource for learning in class (Duarte & Günther-van der Meij, 2018). However, they are rarely being implemented as teachers largely hold negative beliefs towards multilingualism that are reflected in society (Putjata, 2018). Fostering positive teacher beliefs and attitudes towards multilingualism in class is therefore key (Angelis, 2011). Additionally, teachers need opportunities to gain positive experiences for implementing those approaches in order to develop self-efficacy and continue using them in the long term (Bandura, 2010). However, both teacher beliefs towards multilingualism and self-efficacy in implementing multilingual teaching approaches have rarely been investigated regarding their development over time or their relationship to each other. This was therefore examined in the present work with N = 44 primary school teachers participating in a professional development workshop about multilingual-inclusive teaching and a subsequent implementation phase in their classes (paper 1). As teaching is a co-construction between teachers and students (Vieluf et al., 2020), students’ beliefs towards multilingualism are also crucial for the successful implementation of multilingual-inclusive approaches, but have not yet been examined together with teacher beliefs. Theoretically important predicting variables of both teachers’ and students’ beliefs towards multilingualism are one’s own multilingualism and the proportion of multilingual students in class (Cruz Neri et al., 2025). Thus, the present work investigated predictive relationships of those variables on teachers’ (N = 48) and students’ (N = 873) beliefs towards multilingualism. It further investigated whether teachers’ beliefs predict their students’ beliefs towards multilingualism (paper 2). By examining these constructs in an intervention study, another methodological research gap became apparent. Current quantitative research lacks a reliable, valid and relatively concise instrument to measure teacher beliefs towards multilingualism. A reconceptualization of the construct from the psychological perspective as attitudes towards multilingualism, rather than beliefs, enables both theoretical clarity and solid measurability with respective psychometric quality. Thus, this work incorporates the development and validation of a psychometric scale of teacher attitudes towards multilingualism in class from the psychological perspective (Maio et al., 2019) throughout three studies with three different samples (paper 3).
Results show that teacher beliefs towards multilingualism can be significantly and sustainably improved through professional development, but self-efficacy needs to be better supported during implementation of multilingual-inclusive teaching as it decreased during that phase. These findings provide important implications for future teacher training and development and underscore the challenge facing teachers as they implement new, innovative teaching approaches. Further, teacher beliefs significantly predicted student beliefs towards multilingualism in class, while the proportion of multilingual students was not predictive of either one. One’s own multilingualism only predicted students’, not teacher beliefs towards multilingualism. This highlights the crucial impact of teachers acting as role models for students and underlines the importance of fostering teacher beliefs towards multilingualism. Lastly, the approach of measuring teacher beliefs towards multilingualism as psychologically defined and operationalized attitudes was found to be a promising methodological advancement. The newly developed scale measures teacher attitudes towards multilingualism reliably, validly, and objectively while showing stability over time. It brings theoretical clarity and psychometric quality in a concise format enriching research practice. These findings lay theoretical, empirical, and methodological groundwork for future educational research, policy, and practice regarding linguistic heterogeneity in today’s classrooms. They are discussed with regard to implications for future research and teacher training.Durch die zunehmende Globalisierung und Migration sind heutige Klassenzimmer in vielen Ländern zu sprachlich äußerst vielfältigen Räumen geworden (Vertovec, 2023). Diese sprachliche Heterogenität stellt das Bildungssystem vor Herausforderungen. Schüler*innen mit migrationsbedingter Mehrsprachigkeit weisen nach wie vor deutliche Bildungsunterschiede im Vergleich zu Schüler*innen ohne migrationsbedingten mehrsprachigen Hintergrund auf (Mang et al., 2023). Lehrkräfte fühlen sich von der Mehrsprachigkeit ihrer Schüler*innen überfordert und wissen nicht, wie sie mehrsprachige Schüler angemessen unterstützen können (Bredthauer & Engfer, 2018). Aus der Bildungsforschung gehen einige mehrsprachigkeitsinklusive Unterrichtsansätze hervor, die vielversprechende Lösungen darstellen, um die Mehrsprachigkeit der Schüler*innen als Ressource für das Lernen im Unterricht zu nutzen (Duarte & Günther-van der Meij, 2018). Diese werden jedoch selten umgesetzt, da Lehrkräfte weitgehend negative Überzeugungen gegenüber Mehrsprachigkeit vertreten, die sich in der Gesellschaft widerspiegeln (Putjata, 2018). Daher ist es von entscheidender Bedeutung, positive Lehrkräfte-Überzeugungen und -Einstellungen gegenüber Mehrsprachigkeit im Unterricht zu fördern (Angelis, 2011). Darüber hinaus brauchen Lehrkräfte Gelegenheiten, positive Erfahrungen mit der Umsetzung dieser Ansätze zu sammeln, um ihre Selbstwirksamkeit zu stärken und solche Ansätze langfristig umzusetzen (Bandura, 2010). Allerdings wurden sowohl die Einstellung von Lehrkräften gegenüber Mehrsprachigkeit als auch ihre Selbstwirksamkeit bei der Umsetzung mehrsprachiger Unterrichtsansätze bislang kaum hinsichtlich ihrer Entwicklung über die Zeit hinweg erforscht und auch kaum in ihrer Beziehung zueinander. Dies wurde daher in der vorliegenden Arbeit mit N = 44 Grundschullehrkräften untersucht, die an einer Fortbildung zum Einbezug von Mehrsprachigkeit in den Unterricht und einer anschließenden Implementationsphase in ihren Klassen teilnahmen (Paper 1). Da Unterricht eine Ko-Konstruktion zwischen Lehrkräften und Schüler*innen darstellt (Vieluf et al., 2020), sind auch die Überzeugungen der Schüler*innen zu Mehrsprachigkeit für die erfolgreiche Umsetzung mehrsprachigkeitssensibler Ansätze von entscheidender Bedeutung. Diese wurden jedoch bisher noch nicht gemeinsam mit den Einstellungen der Lehrkräfte untersucht. Theoretisch wichtige Prädiktoren für Überzeugungen von Lehrkräften und Schüler*innen zu Mehrsprachigkeit stellen die eigene Mehrsprachigkeit und der Anteil mehrsprachiger Schüler*innen in der Klasse dar (Cruz Neri et al., 2025). Daher untersuchte die vorliegende Arbeit prädiktive Zusammenhänge dieser Variablen auf die Überzeugungen von Lehrkräften (N = 48) und Schüler*innen (N = 873) gegenüber Mehrsprachigkeit. Darüber hinaus wurde untersucht, ob die Überzeugungen der Lehrkräfte die Überzeugungen ihrer Schüler*innen gegenüber Mehrsprachigkeit vorhersagen (Paper 2).
Durch die Untersuchung dieser Konstrukte im Rahmen einer Interventionsstudie wurde eine weitere methodische Forschungslücke offenbar. Es fehlt der aktuellen quantitativen Forschung ein zuverlässiges, valides und relativ knappes Instrument, um Überzeugungen von Lehrkräften gegenüber Mehrsprachigkeit zu erfassen. Eine Rekonzeptualisierung des Konstrukts aus psychologischer Perspektive als Einstellungen anstelle von Überzeugungen ermöglicht theoretische Klarheit als auch eine solide Erfassung mit entsprechender psychometrischer Qualität. Daher umfasst diese Arbeit die Entwicklung und Validierung einer psychometrischen Skala zu Einstellungen von Lehrkräften gegenüber Mehrsprachigkeit im Unterricht aus psychologischer Perspektive (Maio et al., 2019) in drei Studien mit drei verschiedenen Stichproben (Paper 3).
Die Ergebnisse zeigen, dass Lehrkräfte-Überzeugungen gegenüber Mehrsprachigkeit durch berufliche Weiterbildung signifikant und nachhaltig verbessert werden können, dass jedoch die Selbstwirksamkeit während der Implementation von mehrsprachigkeitssensiblem Unterricht besser unterstützt werden muss, da sie in dieser Phase abnahm. Diese Ergebnisse zeigen wichtige Implikationen für die zukünftige Lehrkräfteausbildung und -weiterbildung auf und unterstreichen die Herausforderung der Lehrkräfte gegenüberstehen, wenn sie neue, innovative Unterrichtsansätze umsetzen. Darüber hinaus konnten die Überzeugungen der Lehrkräfte gegenüber Mehrsprachigkeit im Unterricht die der Schüler*innen signifikant vorhersagen, während der Anteil mehrsprachiger Schüler mit beiden nicht in Zusammenhang stand. Die eigene Mehrsprachigkeit sagte nur die Überzeugungen der Schüler*innen zu Mehrsprachigkeit, aber nicht die der Lehrkräfte voraus. Dies unterstreicht die entscheidende Bedeutung von Lehrkräften als Vorbilder für ihre Schüler*innen und betont, wie wichtig es ist, Lehrkräfte-Überzeugungen zu Mehrsprachigkeit zu fördern. Schließlich erwies sich der Ansatz, Lehrkräfte-Überzeugungen gegenüber Mehrsprachigkeit als psychologisch definierte und operationalisierte Einstellungen zu erfassen, als vielversprechender methodischer Fortschritt. Die neu entwickelte Skala misst Einstellungen von Lehrkräften gegenüber Mehrsprachigkeit zuverlässig, valide, objektiv und stabil über die Zeit hinweg. Sie sorgt für theoretische Klarheit und psychometrische Qualität in einem knappen Format und bereichert damit die Forschungspraxis. Diese Ergebnisse stellen theoretische, empirische und methodische Grundlagen für zukünftige Bildungsforschung, -politik und -praxis im Hinblick auf sprachliche Heterogenität in heutigen Schulklassen dar. Sie werden im Hinblick auf Implikationen für zukünftige Forschung und Lehrkräfteausbildung diskutiert
Entscheiden können als Erfahrung, Gegenstand und Ziel in den Bildungsbereichen politische Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung des sozialwissenschaftlichen Sachunterrichts
Die vorliegende Dissertation beschäftigt sich mit der Frage, wie Entscheiden können als Erfahrung, Gegenstand und Ziel im sozialwissenschaftlichen Sachunterricht entfaltet werden und dabei politische Bildung sowie Bildung für nachhaltige Entwicklung aufgreifen kann. Angesichts globaler Krisen wie Klimawandel oder gesellschaftlicher Polarisierung stellt sich zunehmend die Frage, welche Kompetenzen Kinder benötigen, um sich in einer pluralen Welt orientieren und diese mitgestalten zu können. Das sachunterrichtliche Ziel Bildung läuft dabei Gefahr, funktionalisiert zu werden, um gesellschaftliche Probleme zu bewältigen. Der sozialwissenschaftliche Sachunterricht steht deshalb vor der Herausforderung, politische Bildung und BNE so einzubinden, dass eine kritische grundlegende Bildung möglich bleibt
Internationaler Vergleich der Governance inklusiver Bildung in Südtirol (Italien) und Baden-Württemberg (Deutschland) – Analyse des Umgangs mit Differenz im Kontext der inklusiven Transformation von Bildungssystemen
Verschiedene internationale Dokumente formulieren einen Rechtsanspruch auf das gemeinsame Lernen aller Kinder und etablieren „inklusive Bildung als globale Norm“ (Powell 2018, 3). Damit ist ein grundlegender Transformationsauftrag an historisch gewachsene Bildungssysteme verbunden (Koenig 2022). Vor diesem Hintergrund wird untersucht, wie Inklusion als teilhabe- und gerechtigkeitsorientierter Umgang mit Differenz in unterschiedlichen Bildungssystemen hervorgebracht und gesteuert wird.
Die Analyse basiert auf einer Triangulation aus Educational Governance (Hinz, Kruschel 2012), Ansätzen des Neoinstitutionalismus (Walgenbach, Meyer 2007) sowie der Situationsanalyse als Weiterentwicklung der Grounded Theory (Clarke et al. 2022). In der Triangulation dieser Perspektiven liegt das Potential, neben dem Handeln von Akteuren auch institutionelle Logiken, diskursive Ordnungen sowie nichtmenschliche Elemente zu erfassen, was im empirischen Forschungsdesign der Dissertation eingelöst wird. Ziel der Forschungsarbeit ist es, eine umfassende Darstellung der Situation inklusiver Bildung in der jeweiligen Untersuchungsregion abzubilden, die organisations- und systemtheoretische sowie situationsanalytische Perspektiven auf die Steuerung inklusiver Bildung in sich vereint.
Neben dem internationalen Vergleich der aktuellen Verfasstheit der Bildungssysteme Südtirol und Baden-Württemberg wurde hierfür eine historisch-rekonstruktive Analyse der Entwicklungslinien inklusiver Bildung in den Regionen erarbeitet. Die Ergebnisse verdeutlichen ein „systemkonformes“ Verständnis von Inklusion (Badstieber 2021) in Baden-Württemberg, das Freiwilligkeit als handlungsleitende Maxime manifestiert und aufgrund von segmentierten Zuständigkeiten sowie dem Ausnahmecharakter nicht segregierender Bildungssituationen teilweise diskriminierende Konsequenzen hervorbringt. Während den Entwicklungen in Südtirol vielmehr ein „transformatorisches“ Verständnis von Inklusion (Badstieber 2021) zugrunde zu liegen scheint, das durch kritische Perspektive auf bestehende Strukturen, Kulturen und Praktiken charakterisiert wird und als andauernder systemübergreifender Prozess angelegt ist.
Literatur
Badstieber, B. (2021): Inklusion als Transformation?! Eine empirische Analyse der Rekontextualisierungsstrategien von Schulleitenden im Kontext schulischer Inklusion. Bad Heilbrunn.
Clarke, A. E., Washburn, R. & Friese, C. (2022): Introducing Situational Analysis. In: Clarke, A. E., Washburn, R., & Friese, C. (Hrsg.): Situational Analysis in Practice. New York, 5–36.
Hinz, A. & Kruschel, R. (2012): Educational Governance als ‘Diagnose-Instrument’ für die Analyse eines Projekts zur Etablierung inklusiver Entwicklungen, In: Zeitschrift für Inklusion, H. 3. https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/55, 15.12.2025.
Koenig, O. (2022): Inklusion und Transformation in Organisationen: Grundlegungsversuche eines Transformativen Inklusionsmanagement. In: Koenig, O. (Hrsg.): Inklusion und Transformation in Organisationen. Bad Heilbrunn, 19–37.
Powell, J. J. W. (2018): Chancen und Barrieren Inklusiver Bildung im Vergleich: Lernen von Anderen, In: Eine für alle - Die inklusive Schule für die Demokratie, H. 3. Frankfurt am Main, 2–23.
Walgenbach, P. & Meyer, R. (2007): Neoinstitutionalistische Organisationstheorie. Stuttgart
Second Language Interactional Competence in Virtual Exchanges. A Conversation Analysis of EFL-Teacher Students in a German-Israeli Online Intercultural Exchange
Dieser Datensatz wurde geändert; siehe Bemerkung
Die vorliegende publikationsorientierte Dissertation widmet sich dem Phänomen der fremdsprachlichen Interaktionalen Kompetenz (L2 Interactional Competence, im Folgenden: L2 IC) im Kontext hochschulischer virtueller Austausche (Virtual Exchanges). Aufbauend auf vier Publikationen wird untersucht, wie sich L2 IC in schriftlich-synchroner, schriftlich-asynchroner sowie in multimodal-videovermittelter Interaktion zwischen Lehramtsstudierenden entfaltet und situativ hergestellt wird. Die Arbeit ist interdisziplinär situiert und verortet sich im Schnittfeld von konversationsanalytischer Fremdsprachenerwerbsforschung, digitaler Hochschuldidaktik und empirisch fundierter Virtual Exchange-Forschung.
Theoretisch basiert die Arbeit auf einem diskurspragmatischen Verständnis von Interaktionalität, das auf Ethnomethodologie (Garfinkel, 1967) und Konversationsanalyse gründet (u.a. Sacks/Schegloff/Jefferson 1974; Mondada 2019), wobei Interaktionale Kompetenz nicht als feststehende Ansammlung individueller Fähigkeiten, sondern als situiert emergierendes Handlungsvermögen im Rahmen sozialer Aktivitäten aufgefasst wird. Im Sinne von Hall, Hellermann und Pekarek Doehler (2011) wird L2 IC als dynamisch-kooperativer Herstellungsprozess konzeptualisiert, der im Vollzug von Aktivitäten wie linguistisches Reparieren (repair), Themensteuerung (topic management) oder interaktionale Ausrichtung oder Abgrenzung (dis-/alignment) beobachtbar wird. In der Auseinandersetzung mit L2 IC wird zudem ein innovativer Rahmen („The Five Natures of IC“) entwickelt, der unterschiedliche konzeptuelle Perspektiven auf L2 IC, nämlich die lokale, prozedurale, multimodale, dynamische und soziale Dimension, bündelt und als theoretische Grundlage der
konversationsanalytischen Studien innerhalb dieser Dissertation dient.
Im Zentrum der Arbeit stehen vier begutachtete Fachartikel, von denen drei bereits veröffentlicht wurden und einer zur Publikation eingereicht ist. Während der erste Beitrag eine theoretisch-konzeptionelle Einordnung virtueller Austausche vornimmt, unter Rückgriff auf lerntheoretische Modelle wie Experiential Learning (Kolb, 1984) und Online Collaborative Learning (Harasim, 2012), konzentrieren sich die drei anschließenden Studien auf die empirische Analyse interaktionaler Praktiken. Diese beruhen auf konversationsanalytischen Untersuchungen videobasierter Online-Interaktionen zwischen deutschen und israelischen Lehramtsstudierenden des Faches Englisch, die im Rahmen des Telekollaborationsprojektes Extended Telecollaboration Practice (kurz ETP; www.telecollaboration.eu; s. Waldman, Harel, & Schwab, 2019) durchgeführt wurden.
Die drei empirischen Studien (Artikel 2 bis 4) widmen sich der Konversationsanalyse interaktionaler Praktiken in Online-Teammeetings der Studierenden. Analysiert werden videobasierte Interaktionen, die im Rahmen des ETP-Projektes aufgezeichnet wurden. Die Daten wurden auf Basis multimodaler Transkriptionsverfahren (GAT2, Mondada 2014) aufbereitet und mit konversationsanalytischen Mitteln ausgewertet.
Die zweite Studie betrachtet im Rahmen einer konversationsanalytischen Querschnittsstudie initiale videobasierte Begegnungen zwischen israelisch-deutschen Studierendengruppen und zeigt, wie Teilnehmende trotz technischer Begrenzungen und medialer Asymmetrien gemeinsame Bezugspunkte herstellen, Sprecherwechsel organisieren und epistemische Unsicherheiten aushandeln. Dabei wird deutlich, dass Ressourcen wie Körpersprache, Blickführung und prosodische Markierungen gezielt eingesetzt werden, um Verständigung zu ermöglichen und affektives Alignment herzustellen. Gleichzeitig wird sichtbar, dass der Einsatz lokaler Erstsprachen (L1) ambivalente Effekte hat: Er kann entweder affiliativ wirken oder, etwa bei lokalem Code-Switching zur Erstsprache, die Partizipation der „virtuellen“ Team-Mitglieder negativ beeinträchtigen.
Die dritte Studie verfolgt ein einzelnes deutsch-israelisches Team über sieben Zoom- Sitzungen hinweg. Im Fokus dieser Längsschnittstudie steht die Entwicklung von Turn-Taking- Praktiken im Verlauf eines Semesters. Die Analyse offenbart, dass sich interaktionale Routinen über die Zeit herausbilden, etwa durch explizite Adressierung oder Pausensetzung. Zugleich wird jedoch deutlich, dass diese Entwicklung nicht linear verläuft: Teilweise entstehen Dominanzgefälle, bei denen einzelne Sprecher:innen zunehmend die Gesprächsführung übernehmen und andere Beteiligte wiederholt unterbrechen, was nicht nur auf technologische Schwierigkeiten zurückzuführen ist.
Die vierte Studie rückt Praktiken des Topic Management in den Mittelpunkt und untersucht, wie Gesprächsteilnehmende Themen initiieren, weiterführen oder wechseln, insbesondere unter hybriden Bedingungen mit lokal kopräsenten und gleichzeitig virtuell zugeschalteten Partner:innen. In einem Fallstudien-ähnlichen Design wird eine einzelne längere Sequenz derselben Gruppe analysiert und gezeigt, wie bestimmte Teilnehmende Themenverläufe unilateralisieren, während andere durch Rekapitulation, explizite Anschlussangebote oder adressierte Einladungen kohärente Gesprächsentwicklung fördern. Hier wird deutlich, dass gelingende Themensteuerung nicht vorrangig eine Frage sprachlicher Kompetenz, sondern interaktionaler Sensibilität ist.
In ihrer Zusammenschau verdeutlichen die Studien, dass Interaktionale Kompetenz kontextgebunden ist und sich im virtuellen Raum anders artikuliert als in reiner Präsenzinteraktion. Zum anderen zeigen sie auf, dass virtuelle Austauschformate Lernräume eröffnen, in denen fremdsprachliches Handeln nicht nur auf sprachlicher, sondern auch auf epistemischer, interkultureller und reflexiver Ebene geformt wird. Gerade für angehende Lehrkräfte bieten solche Settings Gelegenheiten zur Ausbildung professionsrelevanter Kompetenzen.
Methodologisch verweist die Dissertation auf das Potenzial konversationsanalytischer Verfahren zur Untersuchung digital vermittelter Kommunikation. Die konversationsanalytische Betrachtung natürlicher Interaktion (talk-in-interaction) erlaubt differenzierte Einblicke in sprachlich-kommunikative Aushandlungsprozesse, die in traditionell testbasierten Kompetenzmodellen häufig unberücksichtigt bleiben. Abschließend werden Implikationen für die curriculare Integration virtueller Austauschformate in der Lehrer:innenbildung sowie Perspektiven für ein interaktionsbasierte Sprachbeurteilung im digitalen Raum skizziert.
Literaturverzeichnis
Garfinkel, H. (1967). Studies in ethnomethodology. Prentice-Hall.
Hall, J. K., Hellermann, J., & Pekarek Doehler, S. (Eds.). (2011). L2 interactional competence and development. Multilingual Matters.
Harasim, L. M. (2012). Learning theory and online technology. Routledge.
Kolb, D. A. (1984). Experiential learning: Experience as the source of learning and development. Prentice-Hall.
Mondada, L. (2014). The local constitution of multimodal resources for social interaction.
Journal of Pragmatics, 65, 137–156. https://doi.org/10.1016/j.pragma.2014.04.004
Mondada, L. (2019). Contemporary issues in conversation analysis: Embodiment and materiality, multimodality and multisensoriality in social interaction. Journal of Pragmatics, 145, 47–62. https://doi.org/10.1016/j.pragma.2019.01.016
Sacks, H., Schegloff, E. A., & Jefferson, G. (1974). A simplest systematics for the organization of turn-taking for conversation. language, 50(4), 696-735.
Waldman, T., Harel, E., & Schwab, G. (2019). Extended telecollaboration practice (ETP) in teacher education: Towards pluricultural and plurilingual proficiency. European Journal of Language Policy, 11(2), 167–185
Effektive Sprachförderung konsequent zu Ende gedacht! Von der Wirksamkeit einer Sprachfördermaßnahme im Alltag bis zur kontinuierlichen Überwachung des Entwicklungsverlaufs mithilfe einer neu entwickelten Lernverlaufsdiagnostik
Das übergeordnete Ziel der Dissertation besteht darin, die Wirksamkeit von Sprachförderung konsequent zu Ende zu denken. Einerseits wurde die Wirksamkeit einer Sprachfördermaßnahme am Beispiel des Dialogischen Lesens im Kita-Alltag überprüft, andererseits eine Lernverlaufsdiagnostik (LVD) sprachlicher Fähigkeiten als neue Möglichkeit zur Evaluation von Sprachförderung im Einzelfall entwickelt und erprobt.
Die Wirksamkeit des Dialogischen Lesens im Kita-Alltag konnte im Vergleich zu einer Kontrollgruppe nachgewiesen werden. Darüber hinaus konnte im direkten Vergleich mit den Ergebnissen einer Studie in einem eng kontrollierten Setting gezeigt werden, dass pädagogische Fachkräfte im Kita-Alltag ähnliche Fördereffekte erzielen können wie Fachkräfte in einem eng kontrollierten Setting. Diese Ergebnisse erweitern bestehende Erkenntnisse zur Wirksamkeit des Dialogischen Lesens bzw. des Einsatzes von Sprachförderstrategien im Kita-Alltag.
Zusätzlich zur grundsätzlichen Wirksamkeit von Sprachfördermaßnahmen – auch unter alltagspraktischen Bedingungen – ist es entscheidend, die Fortschritte des einzelnen Kindes zu erfassen. Zu diesem Zweck wurde eine Lernverlaufsdiagnostik sprachlicher Fähigkeiten, die LVD Sprache, auf Grundlage des Sätze Nachsprechens entwickelt und erprobt. Die Ergebnisse verschiedener Teilstudien weisen übereinstimmend darauf hin, dass die LVD Sprache ein objektives, reliables und valides Globalmaß zur Erfassung der Sprachkompetenz von Kindern darstellt, das zudem ökonomisch ist. Die Ergebnisse zur Änderungssensitivität geben erste Hinweise, die jedoch weiter überprüft werden müssen, um herauszufinden, ob mit der LVD Sprache auch kurzfristige Veränderungen im Einzelfall abgebildet werden können
Explorative Studie zum Simulationsverständnis von Schüler*innen: Identifizierung von Teilkompetenzen und ihre Evaluation in der Praxis
Simulationen gewinnen zunehmend an Bedeutung für gesellschaftliche Entscheidungsprozesse – beispielsweise im Kontext der COVID-19-Pandemie, der Bevölkerungsentwicklung oder der Klimaforschung. Ziel der vorliegenden Arbeit war es, ein Bildungsangebot für den Mathematikunterricht in der Sekundarstufe I zu entwickeln, das Schüler*innen dazu befähigt, Simulationsergebnisse kritisch zu hinterfragen, deren gesellschaftliche Relevanz zu erkennen und auf dieser Basis reflektierte Entscheidungen für das eigene Handeln zu treffen.
Im ersten Schritt wurde untersucht, welche Kompetenzen für ein fundiertes Simulationsverständnis erforderlich sind. Auf Grundlage einer Literaturrecherche zur Definition des Begriffs "Simulation" und Interviews mit Personen mit Expertise konnten Modellierungskompetenz, Modellkompetenz und Systemdenken als zentrale Teilkompetenzen identifiziert werden.
Ausgehend von den identifizierten Teilkompetenzen wurde eine Unterrichtssequenz für Schüler*innen der Klassenstufen sechs und sieben entwickelt, die das bildungsplanrelevante Thema Zuordnungen mit dem Lernen über Simulationen verknüpft. Im Sinne des Design-Based Research-Ansatzes wurde die Sequenz in einem iterativen, zyklischen Prozess im schulischen Kontext erprobt, Unterrichtsbeobachtungen wurden ausgewertet und die Sequenz entsprechend überarbeitet.
Eine zentrale Herausforderung bei der Entwicklung bestand darin, dass der Funktionsbegriff in diesen Jahrgangsstufen noch nicht eingeführt ist. Daher musste ein Zugang gefunden werden, der es Schüler*innen ermöglicht, auch ohne explizites Wissen über Funktionen einfache mathematische Modelle zu erstellen und zu simulieren. Es zeigte sich, dass gerichtete Graphen eine geeignete alternative Darstellungsform sind. Darüber hinaus wurde deutlich, dass das eigenständige Simulieren der entworfenen Modelle einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Simulationsverständnisses leistet.
Um den Effekt der Unterrichtssequenz erfassen zu können, wurden auf Basis bestehender Messinstrumente Fragebögen konzipiert. Diese wurden im Pre-Post-Design gemeinsam mit dem aktuellsten Entwurf der Unterrichtssequenz in fünf Klassen erprobt.
Die Auswertung der erhobenen Daten zeigte Optimierungspotenziale im Fragebogen auf und lieferte erste Hinweise darauf, dass die Schüler*innen infolge der Unterrichtssequenz ein besseres Verständnis dafür entwickelten, dass wissenschaftliches Arbeiten das Formulieren von Annahmen beinhaltet. Die Ergebnisse dienen als Grundlage für die Überarbeitung und Weiterentwicklung der Fragebögen.
Damit liefert diese Arbeit einen explorativen Beitrag zu einem bisher wenig erforschten Bereich, dem Lernen über Simulationen.Computer simulations have been a central method in scientific findings for a long time. Scientists use simulations to test their hypotheses, generate new ones and make predictions. In addition, simulations are used for communicating scientific results. Experts exchange information among themselves or communicate their knowledge to politicians and other stake holders. Therefore, simulations serve as basis for decisions of social relevance, for example in the contexts of the COVID-19 pandemic, demographic change, or climate research.
This study aimed to design a teaching unit for lower secondary mathematics education that enables students to critically evaluate simulation results, recognize their relevance to society, and make informed and reflective decisions based on them.
The first step was to identify the competencies necessary for understanding simulations. Based on a literature review of the term "simulation" and interviews with experts, three key sub-competencies were identified: modeling competence, model competence, and systems thinking.
Building on these, a teaching unit was developed for students in grades six and seven. It links the curriculum-relevant topic of proportional and inversely proportional relationships with learning about simulations. Using a design-based research approach, the unit was tested and iteratively refined through classroom implementation, observation, and revision.
A central challenge was that the concept of functions had not yet been introduced at this educational level. Therefore, an approach was needed that would enable students to create and simulate simple mathematical models without prior knowledge of functions. Directed graphs proved to be a suitable alternative. Allowing students to simulate their own models independently significantly supported their understanding of simulations.
To evaluate the effects of the unit, questionnaires were developed based on existing measurement tools and implemented in a pre-post format across five classes, alongside the most recent version of the teaching unit. The data analysis identified areas for improvement in the questionnaires.
This study offers an exploratory contribution to the still under-researched field of learning about simulations
Status und Förderung des Unterrichtens molekularbiologischer Grundlagen in der Sekundarstufe 1
Seit der Bekämpfung der Coronapandemie mittels mRNA-basierter Impfstoffe und PCR-Tests zeigt sich unmissverständlich, dass die Molekularbiologie nicht nur die biologische Forschung transformiert, sondern auch unser alltägliches Leben revolutioniert hat. Gleichzeitig wurde deutlich, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Schwierigkeiten hat, molekularbiologische Methoden zu verstehen und demnach das Potenzial sowie die Gefahren, die von ihnen ausgehen, nicht adäquat einzuschätzen kann. Im Biologie-Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg sind molekularbiologische Inhalte den Lernenden der gymnasialen Oberstufe vorbehalten und finden sich kaum im Bereich der Sekundarstufe 1 wieder. Um jedoch sicherzustellen, dass zukünftige Generationen als mündige Bürger:innen beispielsweise die Risiken medizinischer Maßnahmen, die auf molekularbiologischen Errungenschaften basieren, eigenständig beurteilen und an gesellschaftlichen Debatten zu molekularbiologischen Fragestellungen teilnehmen können, ist es von entscheidender Bedeutung, dass alle Lernenden – nicht ausschließlich diejenigen, die das Abitur anstreben – ein Verständnis für molekularbiologische Grundlagen entwickeln.
In dieser Forschungsarbeit wurden im Sinne des Educational-Design-Research-Ansatzes zuerst durch den Dialog zwischen Biolog:innen, Fachdidaktiker:innen und Lehrkräften in einer Gruppendelphi-Methodik relevante, molekularbiologische Bildungsinhalte für die Sekundarstufe 1 identifiziert. Zudem wurde analysiert, welche Herausforderungen aus Sicht praktizierender Lehrkräfte für das Unterrichten von Molekularbiologie bestehen. Darüber hinaus wurde untersucht, welche Selbstwirksamkeitserwartungen bezüglich des Unterrichtens und welches deklarative Fachwissen Lehrkräfte der Sekundarstufe 1 im Vergleich zu ihren Kolleg:innen an Gymnasien aufweisen. Auf Basis dieser Erkenntnisse wurden anschließend zwei Lehr-Lern-Labor-Seminare für die erste Phase der Lehrkräftebildung konzipiert, optimiert und auf ihre Wirksamkeit hinsichtlich der Entwicklung der Reflexionskompetenz, der Lehrer-Selbstwirksamkeitserwartung und des deklarativen Fachwissens evaluiert. In diesen Seminaren lernen die Masterstudierenden zunächst molekularbiologische Schulversuche aus der Perspektive der Lernenden kennen. Darauffolgend schlüpfen sie in die Rolle der Lehrenden, indem sie die Durchführung der molekularbiologischen Schulversuche planen, den Unterricht gestalten, dabei videografiert werden und ihre Unterrichtserfahrungen anhand der Videovignetten reflektieren. Des Weiteren wurde untersucht, ob Schüler:innen der Sekundarstufe 1 durch die in den Lehr-Lern-Labor-Seminaren vermittelten molekularbiologischen Schulversuche ihr deklaratives Fachwissen über Molekularbiologie entwickeln können. Der Forschungsschwerpunkt lag dabei darauf, das Arbeiten in virtuellen Laboren, in praktischen Laboren oder einer Kombination beider Ansätze mit dem Arbeiten mittels eines traditionellen Unterrichtsansatzes ohne Zugang zu diesen Laborumgebungen zu vergleichen. Die Ergebnisse zeigen, dass aktuell praktizierende Lehrkräfte der Sekundarstufe 1 deutlich geringere Selbstwirksamkeitserwartungen und weniger deklaratives Fachwissen über Molekularbiologie besitzen als ihre Kolleg:innen an den Gymnasien. Schulübergreifend wurden die Komplexität des Inhalts sowie der Mangel an Zeit und materiellen Ressourcen als die größten Herausforderungen des Unterrichtens von Molekularbiologie identifiziert. Des Weiteren weichen die von den Expert:innenteams als relevant für den mittleren Schulabschluss identifizierten Bildungsinhalte deutlich vom aktuellen Bildungsplan der Sekundarstufe 1 ab. Im Verlauf der zur Vermittlung dieser Bildungsinhalte für die erste Phase der Lehrkräftbildung konzipierten Lehr-Lern-Labor-Seminare stieg das deklarative Fachwissen über Molekularbiologie sowie die Selbstwirksamkeitserwartung, das Fachgebiet in der Sekundarstufe 1 zu unterrichten, an. Darüber hinaus nahm sowohl die Reflexionsbereitschaft als auch die Reflexionsperformanz der angehenden Lehrkräfte zu. Durch die Durchführung molekularbiologischer Schulversuche konnten Schüler:innen der Sekundarstufe 1 ihr deklaratives Fachwissen über Molekularbiologie erheblich erweitern. Dieser Effekt blieb in allen Interventionsgruppen, mit Ausnahme der Lerngruppe im traditionellen Unterrichtssetting, auch über einen Zeitraum von sechs Wochen bestehen. Die als besonders authentisch wahrgenommene praktische Versuchsdurchführung zeigte die größten Effektstärken. Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit verdeutlichen, dass es möglich ist, molekularbiologische Methoden erfolgreich in der Sekundarstufe 1 zu etablieren und, dass angehende Lehrkräfte durch Lehr-Lern-Labor-Seminare effektiv auf diese Aufgabe vorbereitet werden können
Vorlesungsverzeichnis PHL WS 2024/2025
Verzeichnis der Veranstaltungen im Wintersemester 2024/2025 an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg
Netzwerke knüpfen in der Kindheitspädagogik. Beiträge zum Tag der Vernetzung 2024 in Ludwigsburg
Die Reihe „Beiträge zum Tag der Vernetzung in Ludwigsburg“ dokumentiert die
wiederkehrende Veranstaltung des Bachelor- und des Masterstudiengangs Bildung und Erziehung im Kindesalter und eröffnet hierdurch einen Zugang zu den vielfältigen Ein- und Ausblicken der Beitragenden auf die Profession der Kindheitspädagogik sowie auf die beruflichen Werdegänge und Arbeitsfelder von Absolventinnen und Absolventen
Das Schulgelände als Möglichkeitsraum für Naturkontakte von Grundschülerinnen und Grundschülern. Eine rekonstruktive Studie zu Naturbegegnung, Naturerlebnis und Naturerfahrung unter Einbezug symbolischer Dimensionen
Naturräume, in denen vielfältige Naturkontakte möglich sind, gelten als unabdingbar für ein Gutes Leben (Gebhard & Kistemann, 2016b). Da immer mehr Menschen in Städten leben, ist die Schaffung von Naturräumen in Siedlungsgebieten von zentraler Bedeutung. Um die subjektive Wirkung von Natur, als Element des Guten Lebens zu erklären, bildet die Symboltheorie, die durch Cassirer begründet und durch Gebhard (2020) weiterentwickelt wurde, die theoretische Grundlage der vorliegenden Arbeit. Zentral ist dabei die Annahme, dass jede Naturerfahrung sowohl objektive als auch subjektive Anteile enthält und die Natur, neben Kunst, Religion oder Musik, besonders viele Symbole enthält, um sich selbst und seine Beziehung zur Natur und zu sich selbst deuten zu können. Dadurch werde Natur als sinnstiftend erlebt (ebd.).
Im Anschluss daran wurden die Begrifflichkeiten der Facetten von Naturkontakt definiert und um die „symbolische Naturerfahrung“ erweitert. Dabei wurden Bezüge zwischen der reflexiven experience Deweys (1933), in Weiterentwicklung nach Nohl (2006), und dem transformatorischen Bildungsbegriff nach Koller (2023) hergestellt.
Der Forschungsstand zur Wirkung von Naturkontakten macht deutlich, dass sowohl rurale, wilde Natur als auch urbane Natur einen positiven Einfluss auf Kinder und ihre Entwicklung haben (z.B. Chawla, 2020; Raith & Lude, 2014; Soga & Gaston, 2016). Die naturnahe Gestaltung von Schulgeländen, als siedlungsnahe Räume, ermöglicht alltägliche Naturkontakte (Dyment, 2005; Raith, 2016). Es konnte allerdings eine Forschungslücke in Bezug auf die subjektiven Anteile in der Interaktion zwischen Schülerinnen und Schülern und der Natur auf dem Schulgelände herausgearbeitet werden. Um subjektiv bedeutsame Naturerfahrungen machen zu können, zeigen sowohl die theoretische Auseinandersetzung als auch verschiedene Studien, dass dies nur möglich ist, wenn der Natur in Freiheit begegnet werden kann (Bähr et al., 2019; Früchtnicht, 2022; Gebhard, 2020; Koller, 2023). Daher wurden nicht didaktisch angeleitete Naturkontakte, sondern das freie Spiel auf dem Schulgelände unter-sucht. Als Ziel der vorliegenden Arbeit wird somit definiert, zu untersuchen inwiefern symbolische Naturerfahrungen auf naturnahem Schulgelände möglich sind. Für die Definition eines naturnahen Schulgeländes wurden Kriterien der Naturerfahrungsräume nach Schemel und Müller (2010) und für NaturErlebnisRäume nach Pappler und Witt (2001) herangezogen. Der Forschungsstand zeigte zudem, dass gerade Kinder für Natur empfänglich sind und naturnahe Aufenthaltsorte bevorzugen, im Gegensatz zu älteren Schülerinnen und Schülern. Zudem belegen Studien, dass Naturkontakte in der Kindheit bis in das Erwachsenenalter hinein wirken (z.B. Beery & Jørgensen, 2018; Hosaka et al., 2017; Molinario et al., 2020). Daher wurde der Fokus der vorliegenden Studie auf die Grundschule gelegt. Um die Ergebnisse auf das naturnahe Schulgelände zurückführen zu können, wurden im Sinne des theoretischen Samplings nach Glaser und Strauss (2008) ein naturfernes und ein naturfremdes Grundschulgelände als Kontrastgruppen herangezogen. Diese wurden nach dem Grad der Natürlichkeit und des Einflusses des Menschen (Hemerobiestufen) klassifiziert (Lexikon der Geowissenschaften, 2023c). Für die qualitative Erhebung konnten somit 27 Grundschülerinnen und -schüler auf drei unterschiedlich gestalteten Schulgeländen interviewt werden. Die Interviews wurden in Form des Go-Alongs geführt (Kusenbach, 2003), um die Aufenthaltsorte auf dem Schulgelände und die Handlungen der Schülerinnen und Schüler mit einbeziehen zu können. Um das subjektive Erleben der Schülerinnen und Schüler und deren Handlungsorientierung aus den Interviews rekonstruieren zu können, wurden diese mit der dokumentarischen Methode der Interpretation nach Bohnsack (2021) ausgewertet. Da die Naturverbundenheit als Voraussetzung für Umweltbewusstsein und Umwelthandeln gilt (Chawla, 2020) und durch Naturkontakte gefördert werden kann (Bezeljak et al., 2023), wurde diese mittels einer adaptierten Inclusion of Nature in Self Skala (Schultz, 2001) erhoben und statistisch ausgewertet.
In Auseinandersetzung mit der theoretischen Erarbeitung der Facetten von Naturkontakt, der Methodologie der dokumentarischen Methode und den methodischen Anforderungen ergaben sich folgende Hauptforschungsfrage und ihre weiteren Fragen:
1. Inwiefern finden auf einem naturnahen Schulgelände symbolische Naturerfahrungen statt?
2. Wie treten Grundschülerinnen und -schüler mit der Natur auf dem Schulgelände in Kontakt? Inwiefern werden die Facetten von Naturkontakt darin deutlich?
3. Was dokumentiert sich im Sprechen der Grundschülerinnen und -schüler über ihre Naturkontakte?
4. Welche Rolle spielt die Natur bei der Wahl der Aufenthaltsorte von Grundschülerinnen und -schülern auf dem Schulgelände?
5. Kann das naturnahe Schulgelände als konjunktiver Erfahrungsraum gewertet werden, aus dem heraus sich die Orientierungen entwickeln?
6. Welche Zusammenhänge gibt es zwischen der Gestaltung des Schulgeländes, den Natur-kontakten und der Naturverbundenheit der Grundschülerinnen und -schüler?
Durch die Auswertung der Interviews konnte gezeigt werden, dass symbolische Naturerfahrungen auf dem naturnahen Schulgelände möglich sind. Es zeigte sich, dass vor allem ältere Grundschülerinnen und -schüler symbolische Naturerfahrungen machen. Als Symbolisierungsanlass dienten vor allem Büsche, Sträucher und Bäume, Wasserelemente wie Teiche und Wasserläufe aber auch Tiere.
Zudem konnten die weiteren Facetten von Naturkontakt aus den Interviews rekonstruiert werden und die theoretischen Definitionen und Abgrenzungen empirisch bestätigt werden. In Bezug auf die einzelnen Facetten von Naturkontakt konnten aus dem Sprechen über die Natur verschiedene Orientierungen rekonstruiert werden. Diese wurden deskriptiv dargestellt, um die Vielfalt der möglichen Orientierungen in Bezug auf Natur auf dem Schulgelände darzustellen. Auf eine sinngenetische Typenbildung wurde daher verzichtet. Für die drei untersuchten Schulgelände konnten sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede in den Naturkontakten und Orientierungen festgestellt werden. Gemeinsam ist allen Schülerinnen und Schüler, dass sie ihre Aufenthaltsorte nach ihren Bedürfnissen und in Aushandlung der vorherrschenden Normen auswählen. Die Natur spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Sind aber Orte, die zu ihren Bedürfnissen passen, naturnah gestaltet und ermöglichen die Regeln und Normen dort den Bedürfnissen nachzugehen, eröffnet sich ein Möglichkeits-raum für jede Form von Naturkontakt. Unterschiede bestehen in den Facetten von Natur-kontakt, die auf dem jeweiligen Schulgelände möglich werden. So konnten auf dem natur-fremden Schulgelände nur Naturbegegnungen und Naturerlebnisse in Bezug auf den Sehsinn rekonstruiert werden. Auf dem naturfernen Schulgelände konnten zudem Naturerlebnisse in Bezug auf unterschiedliche Sinne rekonstruiert werden sowie Naturerfahrungen. Eine Schülerin erzählte auch von einer symbolischen Naturerfahrung. Auf dem naturnahen Schulgelände konnten alle Facetten von Naturkontakt rekonstruiert werden und zudem verschiedene Ausprägungen der symbolischen Naturerfahrung.
In Bezug auf die Naturverbundenheit, die mit einem Kurzfragebogen durch die adaptierte Inclusion of Nature in Self-Skala erhoben wurde, zeigte sich, dass die Grundschülerinnen und Grundschüler auf dem naturnahen Schulgelände die höchsten Werte hatten. Schülerinnen und Schüler, aus deren Sprechen symbolische Naturerfahrungen rekonstruiert werden konnten, zeigten ebenfalls die höchsten Naturverbundenheitswerte. Beide Werte unter-schieden sich jedoch nicht signifikant von den anderen Werten und sind aufgrund der kleinen Stichprobe (N = 27) nicht repräsentativ. Dies könnte durch eine größere Stichprobe überprüft werden.
Neben der Diskussion der einzelnen Ergebnisse, wurden diese übergeordnet in Bezug auf ihre Relevanz für das Umweltbewusstsein und Umwelthandeln diskutiert sowie der Frage nachgegangen, ob es eine Naturerfahrungskompetenz und deren Förderung bräuchte, um symbolische Naturerfahrungen möglich zu machen.
Da der vorliegenden Arbeit sowohl eine wissenschaftliche Motivation, aber auch der Wunsch in die Praxis der Schulgeländegestaltung hinein wirken zu können, zu Grunde liegt, wurden abschließend gestalterische und pädagogische Empfehlungen aus der Theorie und den empirischen Daten abgeleitet. Diese Empfehlungen haben das Ziel das Schulgelände als einen Möglichkeitsraum für symbolische Naturerfahrungen zu gestalten.
Als zentrales Ergebnis der Arbeit kann abschließend festgehalten werden, dass naturnahe Schulgelände symbolische Naturerfahrungen ermöglichen können. Dabei ist die Berücksichtigung der Bedürfnisse der Grundschülerinnen und -schüler zentral, damit sie die vielfältigen Orientierungen in Bezug auf die Natur enaktieren, d.h. in Handlungen umsetzen können. Durch die naturnahe Schulgeländegestaltung kann sich allen Grundschülerinnen und -schülern die Möglichkeit eröffnen, Natur als Quelle für das eigene Wohlbefinden, für Gesundheit und Erholung, für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und der Weiterentwicklung der Beziehung zur Natur und zu sich selbst, wahrnehmen zu können. Dadurch bietet die naturnahe Schulgeländegestaltung Kindern einen alltäglichen Zugang zur Natur als Element des Guten Lebens