Wissenschaftliche Einrichtungen. WZB Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
Abstract
The paper examines the relation between the realms of privacy and civil society by
analyzing the recent history of privacy legislation in general and the developments in
Switzerland since the 1970s in particular. It argues that the conceptual distinction
between the spheres of privacy, civil society and the state should not entice to ignore
the interactions and interdependencies between these spheres. Instead, the
protection of privacy should be understood as a precondition for social justice and
equality and thus as fundamental for the development of a civil society. The first part
of the paper deals with definitions for the relation between the private and the public,
juxtaposing two contradicting definitions prevalent in the literature. The second part
resumes the different stages of legislation in data protection since the 1970s, mainly
in the European context, pointing out how the legal concept of privacy has been
redefined over the past decades, from an individualistic to a social concept. The third
part examines the recent privacy legislation in Switzerland and shows that the
protection of privacy, for which the institutions of the government played an important
role, sums up to the protection of basic civil rights, as the protection from unjust
discrimination. The conclusion discusses the implications of the case study for
understanding the relation between the realms of privacy, civil society and the state.Der Beitrag untersucht die Beziehung zwischen Privatsphäre und Zivilgesellschaft in
historischer Perspektive. Als Fallbeispiele dienen die neuere Geschichte der
Datenschutzgesetzgebung im Allgemeinen und die Entwicklung in der Schweiz seit
den 1970er Jahren im Besonderen. Die Argumentation vertritt einen
interaktionistischen Ansatz. Die begriffliche Unterscheidung zwischen den Bereichen
Privatsphäre, Zivilgesellschaft und Staat soll nicht dazu verleiten, die Interaktionen
und Interdependenzen zwischen diesen Sektoren zu übersehen. Der Schutz der
Privatsphäre soll vielmehr als Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit und Gleichheit
und damit als grundlegend für die Entwicklung der Zivilgesellschaft verstanden
werden. Der erste Teil des Beitrags diskutiert unterschiedliche Definitionen für die
Beziehung zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit und stellt zwei widersprüchliche
Definitionsversuche der neueren Literatur gegenüber. Im zweiten Teil werden die
verschiedenen Stufen der Datenschutzgesetzgebung seit den 1970er Jahren, im
europäischen Rahmen, zusammengefasst. Es wird gezeigt, wie der rechtliche Begriff
der Privatsphäre in den letzten Jahrzehnten von einem individualistischen zu einem
sozialen Konzept umdefiniert und erweitert wurde. Der dritte Teil untersucht die
neueren Datenschutzgesetze in der Schweiz und zeigt, dass der Schutz der
Privatsphäre in der politischen Diskussion auch als Garantie bürgerlicher Rechte und
als Schutz vor ungerechter Diskriminierung verstanden wurde. In der Konklusion
werden schließlich die Folgerungen diskutiert, die aus der Fallstudie für das
Verständnis der Beziehung zwischen Zivilgesellschaft, Privatsphäre und Staat zu
ziehen sind