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"Everything around here belongs to the Kolkhoz, everything around here is mine" : collectivism and egalitarianism ; a red thread through Russian history?

By Peter Lindner and Aleksandr Nikulin

Abstract

'Kollektivismus' und 'Egalitarismus' werden häufig als kulturelle Eigenheiten des ländlichen Raumes in Russland herausgestellt, die über alle politischen Veränderungen hinweg eine erstaunliche Persistenz aufweisen: Sie kennzeichneten bereits die vorrevolutionären Landkommunen, wurden in der Sowjetunion zu einem Teil der staatstragenden Ideologie, der seinen Niederschlag in den Kollektivbetrieben fand und sind heute für die vielfältigen Probleme bei der Privatisierung und Restrukturierung der russischen Landwirtschaftlich verantwortlich. Damit gewinnen sie den Charakter einer Metaerzählung, die historische Kontinuität suggeriert, den Bewohnern des ländlichen Raumes Muster zur Selbstidentifikation bereitstellt und Einzelereignisse in einen sinnhaften Zusammenhang bringt indem sie einen übergeordneten Interpretationsrahmen anbietet. Der Artikel hinterfragt dieses Bild kultureller Stabilität indem gegenüber gestellt wird, auf welche sozialen Praktiken und strukturellen Kontexte sich die beiden Begriffe beziehen. Dabei wird deutlich, dass Kollektivismus und Egalitarismus im Kontext der vorrevolutionären Landkommunen untrennbar verbunden sind mit deren überwiegend von lokalen Ressourcen abhängigen Wirtschaftsweise und hohen Abgabeforderungen seitens der ehemaligen Feudalherren oder des Staates sowie mit einem beträchtlichen Grad lokaler Autonomie und dem Vorhandensein ‘lokaler öffentlicher Institutionen’. Demgegenüber stellten die sowjetischen Kolchose eine soziale Institution zur Vertretung der wirtschaftlichen und politischen Interessen des Staates dar, die den gesamten dörflichen Alltag durchdrang. Sie fungierten einerseits als Kontrollsystem, das zur Aufspaltung der vorrevolutionären dörflichen Öffentlichkeit in eine 'offiziell-öffentliche Sphäre' staatlicher Repräsentation und eine 'privat-öffentliche Sphäre' führte, in der unter anderem die aus der persönlichen Nebenerwerbswirtschaft resultierenden Ansprüche formuliert wurden. Andererseits nahmen sie aber zugleich die Funktionen wohlfahrtsstaatlicher Einrichtungen mit territorial begrenztem Zuständigkeitsbereich wahr. Diese veränderten Rahmenbedingungen beeinflussten auch den Inhalt dessen, was die Begriffe Kollektivismus und Egalitarismus bezogen auf die sowjetische Zeit bezeichnen: Nicht mehr die gemeinsame Regelung dörflicher Belange, sondern die Integration - Abhängigkeit im positiven wie im negativen Sinn - in dieselbe staatliche Institution stand nun im Vordergrund und Eingriffe in Eigentumsrechte waren jetzt keine Frage dorfinterner Aushandlungsprozesse mehr, sondern eine ideologische Norm und gesetzliche Vorgabe. Das Bild langfristiger Kontinuität der Entwicklung des ländlichen Raumes in Russland löst sich somit auf, wenn man 'Egalitarismus' und 'Kollektivismus' als Beschreibung konkreter sozialer Praktiken und nicht als theoretische Kategorien versteht. Damit soll nicht die Pfadabhängigkeit des Transformationsprozesses an sich in Frage gestellt, sondern für den Versuch plädiert werden, diese Pfade im Alltagshandeln anstatt auf den veralteten Karten feudaler Vergangenheit oder den nie realisierten Entwürfen sowjetischer Rhetorik zu suchen

Topics: Städtebau, Raumplanung, Landschaftsgestaltung, Landscaping and area planning, landwirtschaftlicher Betrieb, Raumplanung und Regionalforschung, Area Development Planning, Regional Research, Russland, Landwirtschaft, Eigentum, Agrarbetrieb, ländlicher Raum, Privatisierung, landwirtschaftliche Entwicklung, Kollektivismus, Egalitarismus, Transformation, soziale Institution, historische Entwicklung, Russia, agriculture, property, farm, rural area, privatization, agricultural development, collectivism, egalitarianism, transformation, social institution, historical development, 20700
Publisher: DEU
Year: 2004
OAI identifier: oai:gesis.izsoz.de:document/48088
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