Nietzsche als Antichrist

Abstract

Unter den atheistischen Philosophen nimmt Nietzsche eine besondere Stellung ein. Niemand hat vor und nach ihm versucht, sich in so radikalen Gegensatz zum Christentum zu stellen, wie er. Trotz leidenschaftlicher Übertreibungen und aufgezogener Parado.xien ist sein Denken ein De profundis-Schrei ohnegleichen in der neuzeitlichen Philosophiegeschichte. Indem er seine eigene Existenz aufs Spiel setzt, erlebt er mit seinem ganzen Wesen den »Tod Gottes« und unterscheidet sich somit vom flachen Atheismus, der in seiner Anämie nicht imstande ist, seine eigenen Denkkonsequenzen zu Ende zu denken. Dadurch dass Nictzsciie das Anwachsen des Nihiiismus in der neuzcitiiclicn Gcscliichte, der den bislierigen auf der Wertweisheit des Morgen und Abendlandes gegiündeten menschlichen Horizont unwirklich macht, aufdeckt, versucht er wollständig neue Lösungen des Lebenssinns zu finden. Die Lehren der Upanischaden, Lao-tses, Konfuzius\u27, Sokrates\u27, Piatos und Christi gehen von der Füüc des Seins aks der »wirklichen Welt« aus, in der der Mensch verwurzelt ist und zu der er strebt. Gerade die Praxis des entfremdeten Christentums hat die Wirklichkeit dieser »wahrhaftigen Welt« in Frage gesteh, d. h. ein grosser Teil der Menschheit nimmt schon ihre Prinzipien als unwirklich an, ohne es sich selbst eingestehen zu wollen. Nietzsche löst diese Neu¬rose durch sein ehrliches Annehmen von Willen zur Macht als wirkliche Grundlage des Lebenssinns auf. Der Heuhelei des pervertierten Christentums stellt Nietzsche die Aufrichtigkeit gegenüber und opfert ihr alle Werte, die in der verkehrten Praxis zu Scheinwerten und zum Deckmantel noch tieferer Entfremdung des Menschen geworden sind. In diesem Sinn nimmt Nietzsche gerade diese entfremdete Faktizität als massgeblich und als den Ausgangspunkt für die Umwertung aller Werte, so dass in den Brennpunkt der Wille zur Macht kommt, der als entfremdete und pervertierte nicht aber desto weniger faktische Liebe gilt. Zum Unterschied von übrigen Atheisten nimmt Nietzsche zum Hauptziel seiner Kritik nicht das entfremdete sondern das ursprüngliche Christentum. Der christlichen Einheit von Theismus-Humanismus (Christus Gott-Mensch) stellt er seinen Atheismus-Humanismus und der ursprünglichen christlichen gcwalilosen Form der Schöpferkraft seine durch die Gewalt und Herrschaft charakterisierte Schöpferkraft entgegen. Das ist zugleich die Grundlage für die Umwertung aller Werte und für den Aufbau von zwei Moraltypen für zwei verschiedene Klassen: höhere Menschen und die Herde. Dabei verfällt er der Moralisiemng, die nicht weniger machtlos ist als jene des entfremdeten Christentums. Wie im Christentum so finden wir auch bei Nietzsche das Jasagen dem Sein, aber mit einem grundlegenden Unterschied. Im Christentum findet die Antithese gut-böse ihre Aussöhnung in Gott, dem vollkommen guten Seienden, während bei Nietzsche nur das Seiende, das ausgesprochen gut und böse ist, (der Übermensch) dieses Gute und Böse aussöhnen kann. Nietzsches Grösse besteht in seiner Einsicht in die Konkretheit des Lebens und seines antagonistischen Charakters. Seine Synthesen bewegen sich am Rande des Nihilismus. Manchmal stellen sie den tiefsten Nihilismus dar, zuweilen aber auch die stärkste liebend-schöpferische Überwindunng des Nihilismus. Diese Doppelwertigkeit macht Nietzsche ausserordentlich problematisch. Von da her kommen auch seine Begriffe wie Unannehmbarkeit-Annehmbarkeit, Entfernung-Nähe, Lüge-Wahrheit. Nietzsche ist ein erstklassiger Kämpfer gegen die falsche, abstrakte, leere, süsslihe, heuchlerische Liebe, aber anderseits übertreibt er in einer anderen extrem falschen, possessiven, sadomasochistischen Liebe. Insofern ist Nietzsche einer der stärksten und zugleich schwächsten Kritiker des Christentums. Zu einer reifen Liebe kommt man nur durch Vermittlung, durch innere und äussere Konflikte und Kämpfe. Doch kann nur der Geist der Leichtigkeit (Liebe) diese Antagonismen überwinden. Bleibt Nietzsche nicht bei dem Geist der Schwere (des Zwanges) stehen, wenn er über die Seienden herrschen will

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